Hallo liebe Verwandte, Freunde und Bekannte!
Ich bin seit dreieinhalb Wochen in Huacho. Eigentlich sollten wir an Dienstag, dem 24. August hierher kommen, aber da die Wohnung noch nicht fertig war, konnten wir erst an Samstag, dem 28. August einziehen.
Unsere letzte Zeit in Lima verbrachten wir wie auch die erste Woche: morgens Spanisch, nachmittags und abends Hausaufgaben und die Erkundung von Lima. Da wir hier, wie schon gesagt, eigentlich nur 2 Wochen bleiben sollten, hatten wir in den letzten Tagen keinen Unterricht. So konnten wir lange schlafen und viel unternehmen. Wir waren zum Beispiel ein paar Mal in den „Polvos Azules“ (blauer Staub). Das ist ein ziemlich großes, mehrstöckiges Einkaufszentrum. Man kann es aber nicht mit einer Einkaufsmall oder Dodenhof vergleichen. Stattdessen gibt es unzählige kleine Stände. Man bekommt hier so ziemlich alles. Von Markenklamotten (Pullover von Lacoste für umgerechnet 15-20 Euro) über DVDs (für 1-2 Euro) bis hin zu allen möglichen Elektroartikeln. Die Verkaufsstände stehen dicht an dicht und sehen meistens gleich aus. Während die Eltern hier arbeiten, spielen die Kinder im Gang auf dem Boden. Viele Kinder sind auch allein zu Hause. Ein Bekannter aus Huacho sagte: „Sie werden vom Fernseher erzogen“. In beiden Fällen, allein zuhause oder sich selbst im Einkaufszentrum überlassen, erfahren sie keine richtige Erziehung und es achtet niemand darauf, ob sie zur Schule gehen oder Hausaufgaben machen. Ihr Leben ist so leider schon mit ihrer Geburt vorprogrammiert. Die Verkäufer versuchen einen, wie auf einem Gemüsemarkt, dazu zu bewegen, an ihren Stand zu kommen um ihre Produkte zu kaufen. Man muss dazu sagen, dass es hier bei vielen Geschäften, vor allem bei Restaurants, üblich ist, dass einer der Kellner draußen oder im Eingang mit einer Speisearte wartet und versucht, die Menschen davon zu überzeugen, gerade in ihr Geschäft, Restaurant oder Lokal zu kommen. Wenn man an einer Ampel wartet, ist es ganz normal, dass Verkäufer von Obst, Bonbons oder Zeitung zwischen den Autos hin- und hergehen. Wegen unserer hellen Hautfarbe, die bei vielen Leuten für unbegrenzten Reichtum steht, werden wir eigentlich ständig angesprochen. Jemand erklärte mir, dass viele arme Leute die Vorstellung hätten, dass unsere Häuser oder Wohnungen praktisch voller Tüten mit Geld wären.
Am besagten Samstag wurden wir in Christo Rey von Ermando und Ezequiel abgeholt. Ermando ist Pastor der lutherischen Gemeinde „Galilea“ in Huacho und gleichzeitig Präsident der lutherischen Kirche Perus (ILEP). Ezequiel ist der Gemeindepräsident in Huacho. Janina und ich dachten, dass wir mit ihnen sofort nach Huacho fahren würden. Wir erfuhren jedoch, dass in unserer Wohnung noch zu wenig Möbel seien. Ehemalige schwedische Missionare hatten ihre Möbel in Lima gelassen, diese brachten wir mit einem kleinen LKW zum Bus, der uns nach Huacho bringen sollte. Es gibt viele Reisebusunternehmen, die die Route Lima-Huacho befahren und man kommt von 4-21 Uhr für 3€ nach Lima oder Huacho. Nachmittags kamen wir in Huacho an. Huacho wird übrigens auch die „Hauptstadt der Gastfreundlichkeit“ genannt. Zu Recht, wie wir feststellen konnten. Abends kamen etwa 15 Leute in unsere Wohnung, brachten viel zu essen mit und begrüßten uns. Und auch sonst helfen einem die Menschen, wo sie nur können. Ezequiel sagte uns, dass sein größtes Interessen darin liegt, dass es uns gut gehe.
Unsere Wohnung liegt im Zentrum Huachos neben einem Park, in dem den ganzen Tag über Kinder spielen. Sie ist ca. 100 m2 groß und wurde extra für uns renoviert. Die Renovierung ist jedoch noch nicht ganz abgeschlossen. Wir brauchen noch einen Wasseranschluss für die Waschmaschine, eine weitere Steckdose in der Küche und Licht auf dem Flur. Die Wände sind alle weiß gestrichen. Es gibt sehr viele Möbel (als wir unsere Wohnung das erste Mal betraten, fragten wir uns, wo die neuen Möbel noch hinpassen sollten. Es war nämlich auch so schon zu voll.), aber wenig Farben. Die Wohnung wirkte daher anfangs ein wenig kahl und steril, was typisch peruanisch ist. Man gewöhnt sich aber schnell daran. Es gibt nur kaltes Wasser. Zuerst kam ich mir jeden Morgen vor wie der Mann aus der Actimel-Werbung vor(er duscht kalt, seine Frau trinkt Actimel und hört seine Schreie aus dem Badezimmer). Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Man darf nicht vergessen, dass hier alle Leute kalt duschen.
Huacho ist eine Stadt mit etwa 60000 Einwohnern. Sie liegt direkt an der Küste. Huacho wirkt aber eher wir ein Dorf, da es hier keine großen Gebäude gibt. Bis auf eine größere Straße mit vielen Geschäften gibt es fast nur Wohnhäuser, am Stadtrand auch Hütten. An Geschäften gibt es hier vor allem 4 Arten: Apotheken, die man eher mit Rossmann oder Schlecker vergleichen kann, Banken, Pollarias (Lokale für Hähnchen am Spieß) und Lokale für Chifa (Chinesisches Fastfood). In Huacho wird sehr viel Fischfang betrieben, deshalb gibt es am Hafen viele Fischrestaurants. Auf den Straßen laufen viele Hunde rum. Sie leben nur selten in Häusern und ich habe noch keinen Hund gesehen, der angeleint war. Wie in Deutschland die Katzen laufen die Hunde einfach frei herum. Auf den Straßen fahren mehr Motortaxis als Autos, außerdem gibt es viele alte Autos und LKWs. Ermando und Ezequiel wohnen beide in unserer Straße, was die Orientierung vor allem am Anfang erleichtert hat.
Ezequiel wohnt mit seiner Familie, seinen Eltern und seinen 4 Geschwistern mit Familien auf einem Grundstück, praktisch in einem Reihenhaus. Diese Großfamilie bildet den Grundstein der Gemeinde, in der ich arbeite. Dazu kommen noch einige einzelne Personen und Familien. Ich kann schlecht abschätzen, wie viele Mitglieder die Gemeinde hat, denke aber 30-40. Zum Gottesdienst kommen etwa 15 Leute. Obwohl die Gemeinde sehr klein ist, ist sie sehr engagiert. Ezequiel, der fast alles für die Gemeinde organisiert, sagt, dass sich viele Gemeinden in ihren Kirchengebäuden einschließen würden. Die Mitglieder der Gemeinde Galilea wollen deshalb in eine andere Richtung arbeiten: Sie wollen den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Alltag begegnen und sie für die Kirche und Gott begeistern und einladen. Das machen sie zum Beispiel durch Sportangebote, Hausbesuche und in Zukunft auch durch Sprachunterricht, den Janina und ich machen werden. Die Kirche steht auf dem Grundstück eines Hermanos (übersetzt: Bruder, hier eine normale Anrede unter Gemeindemitgliedern). Sie bietet Platz für 80-100 Leute. Zurzeit spart die Gemeinde dafür, sich ein eigenes Grundstück zu kaufen, auf das man die Kirche bauen kann. Sie ist aus Holz, damit sie leicht transportier- und wiederaufbaubar ist.
Bis zu dieser Woche hatten wir leider wenig zu tun und haben viel zuhause rumgesessen. Eigentlich sieht unsere Woche folgendermaßen aus: Montags haben wir frei. Dienstags und donnerstags geben wir um 16 Uhr Englischunterricht, mittwochs und freitags Deutschunterricht. Diese Termine sind kostenlose Angebote der Gemeinde für Jugendliche und junge Erwachsene und finden bei uns zuhause statt. Ebenfalls innerhalb der Woche unterrichten wir Englisch im Kindergarten und an der Universität. Hierfür stehen die Termine jedoch noch nicht fest. Bis Ende September sind an der Uni Semesterferien, und bis wir unsere Stunden für den Unterricht dort noch nicht wissen, können wir keine festen Zeiten im Kindergarten abmachen. Diese ganzen Veranstaltungen haben aber noch nicht stattgefunden, los geht es erst ab heute. Bisher hatten wir deshalb innerhalb der Woche außer ein paar Besprechungen und diakonische Besuche nichts zu tun. Da wir die ersten Freiwilligen in dieser Projektstelle sind, musste die ganze Arbeit erst organisiert werden. Eigentlich habe ich nichts dagegen, mich mal auszuruhen, aber diese Zeit war für meinen Geschmack zu lang. Es ist ein wenig nervig, wenn man seine Tage damit zubringt, einzukaufen und zu lesen, obwohl man arbeiten will. So konnten wir auch nur am Wochenende richtig Spanisch sprechen, denn dann finden die meisten Gemeindeveranstaltungen statt. Samstagnachmittags ist ein Treffen für Kinder bis 13 oder 14 Jahre. Zuerst singen wir, spielen ein oder zwei Spiele und machen etwas Inhaltliches. Die letzten Male haben wir die 10 Gebote behandelt. Doch während man in Deutschland wahrscheinlich eine Geschichte passend zu einem Gebot erzählt und mit den Kindern darüber geredet hätte, mussten hier selbst die Kleinsten die 10 Gebote, wie sie in der Bibel stehen, auswendig im Chor aufsagen (jeweils mit Stellenangeben). Nach dem inhaltlichen Teil machen wir Sport, normalerweise spielen die Jungs Fußball und die Mädchen Volleyball. An ihrem guten Ballgefühl merkt man, dass sie viel Sport machen. Zum Sport machen gehen wir auf einen Schulhof. Dort gibt es einen betonierten Sportplatz mit Toren. Um hier spielen zu dürfen, müssen wir dem Hausmeister Geld geben. Es ist aber so, dass die meisten Jungs in erster Linie wegen des Fußballspielens kommen. Deshalb sind manche während des Programms ein wenig unruhig. Doch ich glaube, das bekommt man in den Griff, wenn man gutes Programm macht und klare Vereinbarungen bezüglich der Zeitaufteilung trifft. Abends ist Jugendkreis. Er existiert noch nicht lange, kommt aber ins Rollen. Sonntag ist der vollste Tag. Morgens um 7.30 Uhr spielen wir mit einigen Jugendlichen Basketball, um 10 Uhr ist Kindergottesdienst. Der Kindergottesdienst wird sehr gut besucht, hier kommen etwa 15 Kinder. Das hört sich zuerst nach nichts Besonderem an, in Deutschland werden mehr Kinder von ihren Eltern zum Kindergottesdienst gebracht. Hier ist es jedoch so, dass die Kinder allein herkommen. Die Eltern interessiert oft nicht, was ihre Kinder machen. Manche wissen nicht einmal, dass es eine lutherische Gemeinde gibt. Trotzdem wirken die Kinder immer fröhlich. Nach dem Kindergottesdienst findet der normale Gottesdienst statt. Hier helfen wir beim Verteilen des Abendmahls oder beim Lesen der Liturgie und von Bibelstellen. Nachmittags fahren wir nach Humaya. Das ist ein Ort, der etwa eine halbe Stunde entfernt im Landesinneren liegt. Wegen eines Flusses gibt es hier viele Pflanzen und Landwirtschaft. Das ist ein Gegensatz zu Huacho, das in der Wüste liegt. Die Eltern der Kinder, mit denen wir hier Programm machen, arbeiten alle in der Landwirtschaft. Da sie von früh morgens bis spät abends auf den Feldern sind, sind die Kinder den Tag über allein auf der Straße oder gucken zuhause Fernsehen. Viele Kinder sind auch nachts nicht zuhause, sondern schlafen auf der Straße.
Den letzten Bereich meiner Arbeit stellen die bereits erwähnten diakonischen Besuche dar. Bisher in Begleitung, später allein, besuchen wir Menschen, auch Nicht-Gemeindemitglieder, die nicht zum Gottesdienst kommen können. Das kann an Krankheiten liegen oder daran, dass sie nicht genug Geld haben, um zur Kirche zufahren. Die meisten Mitglieder wohnen nämlich weit von der Kirche entfernt, deshalb auch der Umzug. Außerdem werden wir in Zukunft auch Leute besuchen, die im Gefängnis sind.
Nach fast eineinhalb Monaten in Peru bin ich langsam angekommen und habe mich eingelebt. Man kennt die Lebensweise und den Lebensrhythmus der Menschen, die hier wohnen und lernt, wie man sich im Alltagsleben verhält. Man kennt sich bei Preisen im Supermarkt aus und kann sich mit fast allen Leuten unterhalten (Ausnahme: Unser alter Nachbar, der keine Zähne mehr hat und deshalb undeutlich spricht. Das Einzige, was ich von dem verstehe, was er sagt, ist: „Verstehst du?“). Ich bin jedes Mal überrascht, wenn ich Menschen mit heller Haut sehe. Besonders blonde Menschen fallen mir stark auf, die kennt man nur noch von Bilder oder aus dem Fernsehen. Das Gleiche gilt für Wasser. Da Huacho in der Wüste liegt, wundere ich mich sogar, wenn ich einen kleinen Bach sehe. Auf der Straße gibt es viele Verkäufer, sie fallen einem gar nicht mehr richtig auf. Ich muss mich jedes Mal selbst daran erinnern, „No, gracias“ zu sagen und sie nicht zu ignorieren. Während ich mich zuerst etwas an den pädagogischen Methoden gestoßen habe, merke ich jetzt, dass die Mitarbeiter der Gemeinde diese mit Liebe und Zuneigung kompensieren können. Für die Kinder ist nicht wichtig, was wir mit ihnen machen. Wichtiger ist, dass wir für sie da sind und sie ernst nehmen. So können wir ihnen hoffentlich ein sorgenfreies Zuhause bieten, das sie sonst nicht kennen.
Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass mein Leben hier total hart ist, denn das ist es nicht. Man gewöhnt sich wirklich an das meiste und es wird zum Alltag.
Das war’s erstmal wieder von mir, ich freue mich über E-Mails und Facebooknachrichten ;)
Jan-Lütje
hey Lüddi!!
AntwortenLöschenschön wieder was zu lesen, ich hab schon darauf gewartet =)
hört sich alles sehr spannend an und ich beneide dich ein bisschen.
wirst du auch für blond gehalten, bei deinen haaren? das habe ich schon mal gehört.
lass es dir gut gehen,
Henrike
Hallo Jan-Lütje,
AntwortenLöschenfeine Sache, Deine Berichte aus Peru. Wüste hört sich gut an, wir sitzen hier bei 11 Grad und Dauerregen, die Oste führt Hochwasser und auf der Nordsee wurden die ersten Eisberge gesichtet. Wüste klingst sehr verlockend!
Die anderen von Dir geschilderten Verhältnisse sind doch wohl gewöhnungsbedürftig. Aber: man gewöhnt sich an alles - nur nicht an das zevener Sch...wetter.
Viele liebe Grüße von Mathilde und Michael
Hey Jan-Lütje,
AntwortenLöschenschön, dass du mal wieder geschrieben hast =)
Am Wochenende melde ich mich nochmal ausführlicher...es freut mich aber sehr, dass du dich gut einlebst :)
Liebe Grüße von deiner großen Schwester