In meiner ersten Woche in Peru war ganz schön viel los, es gibt einiges zu erzählen.
Los ging es an Dienstag, dem 10. August 2010. Nachdem ich morgens verschlafen hatte, bin ich dank Tobi und Nils noch rechtzeitig am Flughafen angekommen und gegen 7:00 von Hannover nach Frankfurt losgeflogen. Von dort ging es weiter nach Caracaz (Venezuela). Im Flugzeug neben uns saßen andere Freiwillige aus Baden-Würtenberg, mit denen wir uns gleich angefreundeten. Der letzte Flug nach Lima verlief auch gut. Am Flughafen von Lima wurden wir schließlich gegen 22:00 Uhr von Uta und zwei anderen Frauen abgeholt. Uta ist seit März als Missionarin des Missionswerkes Hermannsburg, also mit der gleichen Organisation wie ich, in Lima. Sie leitet eine Gemeinde im Stadtteil Comas, in der auch Ben und David arbeiten werden. Gemeinsam fuhren wir zur Gemeinde Christo Rey, die im Stadtteil Surco liegt. Seitdem ist sie unser Quartier, von dem wir morgens zum Spanischkurs und nachmittags und abends in die Stadt fahren.
Christo Rey ist die einzige Mittelstandsgemeinde Limas. Sie wurde vor 22 Jahren vom deutschen Missionar Friedrich Hahler gegründet. Heute wird sie von der amerikanischen Missionarin Dana geleitet. Der Mittelstand Perus ist aber nicht mit dem deutschen zu vergleichen. Die Nachbarschaft ist ein wenig heruntergekommen und unsere Zimmer sind sehr einfach eingerichtet. Das ist aber nicht schlimm, man gewöhnt sich schnell daran.
Am Morgen nach der Ankunft hatten wir zum ersten Mal Unterricht und wir sahen Lima bei Tag. Hier stehen vor jedem Haus Mauern oder Zäune. Sie dienen dem Schutz vor Einbrechern und sind 2-3 Meter hoch. Als ich Uta darauf ansprach, erzählte sie mir, dass die das auch komisch fände. Doch ein Freund hätte ihr gesagt, dass sie die Mauern mögen würde, wenn sie erst einmal überfallen worden sein wäre.
Auf den Straßen fahren entweder Taxis, ältere Autos oder teure, neue Geländewagen. Sie gehören der Oberschicht und werden gebraucht, um die Berge in den Anden oder in Lima selbst hochfahren zu können. Der Fahrstil der Peruaner ist genauso verrückt, wie ich angenommen hätte. Doch hinter ihm steckt ein System: Jeder ist für das verantwortlich, was vor ihm passiert. Das heißt, dass man keinen Schulterblick macht, sondern einfach die Spur wechselt. Der Hintermann muss dafür aufpassen, bei einem Unfall bekommt er in jedem Fall die Schuld.
Unser Spanisch Lehrer heißt Daniél Ingunza. Er wird von der deutschen Botschaft empfohlen und unterrichtet die Deutschlehrer der Humboldtschule. Im Unterricht behandeln wir aber nicht nur die normale spanische Sprache, sondern auch die Geschichte und das politische System Perus sowie die Ausdrücke, die man auf der Straße benutzt und die nicht im Wörterbuch stehen (die Taxifahrer lachen immer, wenn wie sie benutzen).
Da im Oktober Wahlen für die einzelnen Bürgermeister der Stadtteile Limas und Präsidentenwahl in Peru sein werden, hängen überall große Plakate und Schilder. Die peruanische Politik ist jedoch von Korruption geprägt (im Jahr 2002 wurde das erste Mal ein Politiker wegen Bestechung verhaftet, das war bis dato unvorstellbar) und die normale peruanische Bevölkerung ist nicht gut gebildet. Außerdem hat der Präsident sehr viel Macht (zum Beispiel kann er Minister einfach so entlassen und entscheidet über alle wichtigen Gesetze), daher ist Peru meiner Meinung nach noch ein kleines Stück von einer richtigen Demokratie entfernt. Der jetzige Präsident Perus, Alan Garcia, ist ein Weißer. Vor ihm war Alejandro Torledo an der Macht, ein Indigo. Er war der erste farbige Präsident in Peru. Obwohl er gute Politik gemacht haben soll, war er am Ende seiner Amtszeit laut Umfragen nur noch bei 6 % der Bevölkerung beliebt. Die Menschen, von denen die meisten selbst farbig sind, trauten einem von ihnen selbst einfach nicht zu, das Land zu führen. Sie trauten dies nur einem Weißen zu, weshalb Daniél sagt, dass Peru noch in der Kolonialzeit feststecke (diese endete offiziell 1821 im Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien).
Die Stadt Lima ist faszinierend. Man entdeckt hier jeden Tag neue Sachen, aber leider ist Lima sehr von Gegensätzen geprägt. In Miraflores, dem besten Stadtteil, kommt einem alles sehr europäisch vor. Hier gibt es Supermärkte, die so groß und gut sortiert wie in Deutschland, Hotels, in denen man 300 € pro Nacht zahlt, viele Hochhäuser und Starbucks. Außerdem sieht man blonde Menschen, das ist sonst sehr selten. Im Zentrum Limas befinden sich die Regierungsgebäude und eine lange Einkaufsstraße mit teuren Läden (Preise leicht unter deutschem Niveau). Am Ende der Straße ist der „Plaza de Armas“. Wenn man weiter in die gleiche Richtung geht, kommt man an den Fluss Rimac. Er ist im Winter fast ausgetrocknet. Hinter dem Fluss sieht man den Stadtteil Rimac. Wenn man eben noch von amerikanischen Fast-Food-Restaurants umgeben war und sich vorkam wie zuhause, sieht man hier einen der armen Teile Limas. Als ich mit einem Peruaner mit dem Taxi durch den Nachbarstadtteil „La Victoria“ gefahren bin, hat er mir geraten, hier nicht auszusteigen. Die Häuser sind 3-4 Stockwerke hoch gebaut und liegen eng an eng an einem Hang. Viele Häuser haben keine Fenster. Oben auf den Häusern sieht man Metallstangen aus den Mauern gucken. Die Bewohner bauen ein neues Stockwerk oder einen Teil davon auf ihr Haus, wenn sie wieder genug Geld haben, darum brauchen sie die Metallstangen eventuell noch. Jemand sagte mir, dass jede Stange deshalb ein Zeichen der Hoffnung sei.
Mein Tagesablauf sieht hier normalerweise so aus: Um etwa 7:30 Uhr stehen wir auf, gehen duschen und frühstücken. Zum Frühstück gibt es normalerweise Cornflakes oder Brötchen (für 10 Brötchen bezahlt man etwa 2 Soles, was 50 Cent entspricht). Um 8:45 werden wir von Mario, unserem Taxifahrer, abgeholt. Er bringt uns zum Unterricht. Um 12:15 holt er uns wieder ab und fährt uns zurück. Wenn wir nachmittags nicht in der Stadt unterwegs sind oder zum Mittagessen eingeladen, gehen wir essen. Unser Favorit hierbei ist „Der Hänchenmann“, wo man für 10 Soles (2,50 €) einen riesigen Teller voller Pommes und Hähnchen und eine Flasche mit wahlweise Coca Cola oder Inca Cola (hier ein totales Kult-Getränk, das nach Kaugummi schmeckt) bekommt. Nachmittags und abends gibt es oft eine Aktivität in Christo Rey, wie zum Beispiel Englischunterricht oder Gottesdienste. Wir Deutschen haben hier einen leichten Promiststatus, als wir den Englischunterricht gestaltet haben, kamen ein paar Leute, die vorher noch nie da waren. Oft unternehmen wir auch etwas mit Uta. Wir haben schon 2 andere Missionare des Missionswerkes Hermannsburg getroffen, einen Vortrag des Präsidenten des „Lutheran World Relief“ gehört und waren mit ihr bei einer Jugendguppe in Lurin. Lurin liegt außerhalb von Lima und hat ca. 20000 Einwohner. Lurin ist etwa vom Wohlstand der Menschen mit La Victoria oder Rimac zu vergleichen, aber es ist sauberer. Als wir zu Beginn des Abends mit den Jugendlichen durch die Stadt gingen, guckten uns alle Leute an. Von manchen Seiten hörte man Leute „Gringos!“ rufen (dieser Ausdruck ist aber nicht böse gemeint). Auf sandigen, nassen Straßen (sie waren nicht nass wegen Regen, sondern weil die Leute Sachen vor ihrem Haus auskippen), gingen wir durch die Stadt. Die Farben der bunten Häuser waren verblasst und oben waren, wie auch in Lima, Metallstangen zu sehen. Die oberen Stockwerke wurden genutzt, obwohl sie nicht einmal Wände hatten. Trotz allem hatte die Stadt einen gewissen Charme. Die Straßen waren voller fröhlich aussehender Menschen, es fuhren wenig Autos, und vor den Häusern saßen gutgelaunte Menschen und genossen den Abend. Das Ziel unserer Tour war schließlich eine Aussichtsplattform. Sie war neu, gut gebaut und sah gut aus. Es war aber ein komisches Bild: Die Stadt sehr arm, und auf dem höchsten Punkt eine große, bunte Plattform, die den Tourismus ankurbeln soll. Zuerst war sie geschlossen, aber als der Wächter uns Deutsche sah, durften wir alle rein.
Durch solche Erlebnisse merke ich, wie privilegiert ich als Deutscher bin. Ich kann mir in Lima (fast) jedes Restaurant leisten, als Abiturient Englisch an der Universität unterrichten und werde nur wegen meiner Kleidung und Hautfarbe respektiert (neulich sollte ich in einem Restaurant auf den Laptop eines Geschäftsmann aufpassen, während dieser auf Toilette war). Außerdem kann ich jederzeit aus dieser Welt aussteigen und einfach zurück nach Deutschland fliegen, das können fast keine Menschen von hier.
Ich bin gespannt, wie dieses nächste Jahr wird. Schon in den ersten anderthalb Wochen habe ich so viel erlebt, und ich habe noch gar nicht angefangen zu arbeiten.
Dienstag geht es dann los nach Huacho. Die Leute dort freuen sich wohl schon sehr auf uns und Donnerstag gibt es einen Begrüßungsgottesdienst.
Danke fürs Lesen, Jan-Lütje
PS. Wenn ihr bestimmte Fragen habt oder ich etwas genauer erklären soll, schreibt mit einfach. Dann baue ich es in meinen nächsten Eintrag ein.
Hallo lieber Jan-Lütje,
AntwortenLöschennur 1,5 Wochen ert da und doch so gründliche Infos über das Land. Ich freue mich für Dich, dass Du durch diesen Einsatz so viel neues und wertvolles erleben kannst und deinen Horizont erweitern kannst. Der Herr Jesus segne Dich reichlich und Deinen Einsatz.
Ich habe von Deiner Mutter erfahren, dass Du nach mir gefragt hast, habe mich sehr gefreut. Das Missionsfest in Sittensen war -für mich- überwältigend schön.
Lieben Gruß,
Dündar
Hallo Lüddi,
AntwortenLöschenich habe eben erst von deinem Blog erfahren und deine beiden Einträge gelesen. Ich freu mich sehr, dass es dir gut geht, aber was du im letzten Absatz schilderst ist natürlich sehr traurig. Komisch, auf was für Gegensätze man so trifft. Ich wünsche dir noch alles Gute und hoffe mal, dass du demnächst wieder schreibst!
Hagen