Samstag, 2. Juli 2011

3. Rundbrief von Jan-Lütje Thoden aus Huacho, Peru (30.06.2011)

„Welche dieser Grußarten bevorzugen sie?“
( ) Hallo!
( ) !Hola!

Wenn das eine Umfrage wäre, könnte ich mich zurzeit nicht entscheiden. Mein Jahr in Peru neigt sich dem Ende zu, ein Monat fehlt noch bis zum Rückflug. Ich war noch nie tiefer in der peruanischen Kultur und der spanischen Sprache, gleichzeitig beschäftige ich mich schon sehr mit dem nächsten Jahr und bin deshalb mental schon wieder ein wenig in Deutschland bzw. in den USA.
In diesem Rundbrief möchte ich euch von meiner Arbeit, der Kirchengemeinde und der peruanischen Kultur erzählen.
Im Kindergarten gab es einige Neuerungen. Die fünfjährigen Kinder, die ich letztes Jahr unterrichtet habe, sind alle eingeschult worden. Deshalb bin ich jetzt jeden Mittwoch in einer Gruppe mit etwa 12 Vierjährigen. Dort arbeite ich mit einer neuen Erzieherin zusammen. Die Gruppe ist ein bisschen chaotischer als meine Gruppe letzten Jahres. Dort konnte einfach hingehen und anfangen zu unterrichten. In der neuen Gruppe dauert es immer 30-45 Minuten, bis alle Kinder ihr Spielzeug verstaut haben und es wirklich losgehen kann. Aber ich glaube, dass ich letztes Jahr auch wirklich Glück mit der Erzieherin hatte. Donnerstags unterrichten Janina und ich zusammen die Gruppe der Dreijährigen. Mir macht die Arbeit im Kindergarten sehr Spaß. Es ist eine Abwechslung zur anderen Arbeit und man bekommt etwas vom normalen peruanischen Berufsleben mit. Außerdem ist es schön, mehr Kinder kennen zu lernen, sodass man in der Nachbarschaft oft hört: „Hola, professor de inglés!“ (Hallo, Englisch-Lehrer!).
Dienstagnachmittags gebe ich wie gewohnt Englischunterricht mit dem Übersetzen englischer Lieder, während Janina in der Frauengruppe ist.
Wir haben die Arbeit mit dem Tourismusstudenten beendet. Es war das gleiche Problem wir auch mit zwei anderen Gruppen, die wir vorher hatten: Nach einigen Wochen kamen keine Leute mehr. Ich glaube nicht, dass der Unterricht schlecht war oder dass unsere Schüler sich langweilten. Beim Unterricht waren alle interessiert und mit Spaß dabei. Meiner Meinung nach liegt das Problem eher in der Kultur. Die meisten Menschen hier treffen keine wirklich festen Zusagen und sind leider oft nicht zuverlässig. Es gibt zum Bespiel Akademien, in den man Englisch lernen kann. Diese sind jedoch teuer. Aber da die Leute bezahlt haben, gehen sie hin. Unser Unterricht war umsonst. Darin liegt natürlich eine Chance für die Leute, da sie Geld sparen oder etwas machen können, was sie sich normalerweise nicht leisten können. Andererseits führt das zu einer Ungebundenheit. Man kann natürlich sagen: „Ok, das ist eine andere Kultur, hier laufen die Sachen anders.“ Das stimmt auch, man muss sich an die Leute anpassen. Aber wenn niemand kommt, kann man nun mal keinen Unterricht machen.
Einige Wochen später wurde uns gesagt, dass es eine neue Gruppe gebe, denen wir Deutschunterricht geben könnten. Am Anfang waren wir eher abgeneigt, diese Gruppe zu unterrichten, da wir einfach zu viele schlechte Erfahrungen mit dieser Art von Arbeit gemacht hatten. Wir entschieden uns trotzdem dazu, es zu machen und vereinbarten ein erstes Treffen mit der Gruppe. Freitagabend um 6. Zu dem Treffen ist jedoch nicht einer der über 20 „hochmotivierten“ (wie uns versichert worden war) Schüler gekommen. Einige Wochen später traf ich einige von ihnen in der Stadt. Sie fragten mich: „Was ist denn jetzt mit dem Unterricht?“ Ich sagte, dass niemand von ihnen zu dem Vorbereitungstermin gekommen sei, deshalb hätten wir nie etwas Genaues planen oder organisieren können. Daraufhin sagten mir einige: „Ja, wir waren nachmittags um 4 da, aber da war niemand.“ Andere sagten: „Wir sind Montag gekommen.“ Mittlerweise fehlt aber nur noch ein Monat bis wir nach Deutschland zurückfahren. Außerdem verteilt die Gemeinde seit dieser Woche jeden Tag Essen an 25 Kinder, dabei helfen Janina und ich mit (darauf gehe ich später noch ein). Diese Essensausgabe findet zu der Zeit statt, zu der der Unterricht geplant war. Daher haben wir dafür keine Zeit mehr.
Das Nachmittagsprogramm für Kinder, mit dem wir im Februar angefangen haben, bildet nun das Herzstück unserer Arbeit. Es kommen immer mehr Kinder. Neulich waren es 27. Zu zweit ist es ganz schön schwer, dort noch den Überblick zu behalten. Aber es ist schön zu sehen, dass die Kinder so gerne kommen und sich entwickeln. Anfangs hatten wir einige Probleme, aber mittlerweise hat sich vieles verbessert. Kinder, die sich am Anfang oft stritten oder schlugen, sind jetzt ruhiger geworden und sagen es uns, wenn es ein Problem gibt. Ihr sozialer Umgang hat sich allgemein gebessert. Nachdem wir die ersten Monate über das Thema „Englisch“ behandelt haben, machten wir danach Armbänder und behandelten Themen wir „Petrus“ oder „Landwirtschaft“. Vor der Themenarbeit singen wir viel (selbst die Kleinsten, die noch nicht lesen und schreiben können, singen schon laut mit), anschließend spielen wir Fuß- und Volleyball. Außerdem bemerkenswert ist, dass alle Kinder sehr pünktlich sind. Janina und ich holen sie jeden Tag von zuhause ab. Doch wenn wir uns fünf Minuten verspäten, sind die Kinder oft schon auf dem Weg.
Am Muttertag, der hier sehr wichtig ist und groß gefeiert wird, haben wir alle Mütter in die Kirche eingeladen. Die Kinder hatten Herzkarten für ihre Mütter gebastelt und sangen ihnen Lieder vor. So konnten wir ihnen einen Einblick in das Nachmittagsprogramm ihrer Kinder geben.
Wie gesagt hat die Gemeinde seit dieser Woche eine Essensausgabe. Die ILEP (Evangelisch-Lutherische Kirche Perus) gibt vielen Gemeinden Geld, um Essen für 25 Kinder zu kochen. Jede Gemeinde musste eine Liste mit Kindern einreichen, die zum Essen kommen können. In unserem Fall sind das 19 Kinder aus San Bartolomé (dort ist die Kirche, wo wir das Kinderprogramm machen) und sechs Kinder aus Amay (hier wohnt der Großteil der Gemeindemitglieder). Obwohl Janina und ich das Programm in San Bartolomé alleine machen, wurden wir nicht mit in die Erstellung der Liste einbezogen. Uns wurde gesagt, dass die Liste sehr schnell hätte fertig gestellt und abgeschickt werden müssen. Dabei wusste die Gemeinde seit Ende April von diesem Projekt. Die Frau aus der Gemeinde, die mit uns die Kinderarbeit macht (außer das Nachmittagsprogramm) hat die Essensliste anhand einer ein Jahr alten Anwesenheitsliste geschrieben. Kinder, die seit einigen Monaten regelmäßig kommen, waren so nicht auf der Liste. Andere, die seit Monaten nicht mehr da waren, waren auf der Liste. Nach einigen Gesprächen mit der Frau konnten wir zum Glück noch einige Namen ändern. Da es schon so lange bekannt ist, dass eine Liste erstellt werden muss, wir jedoch nicht darüber informiert wurden (obwohl wir die betreffenden Kinder am besten kennen), müssen wir vermuten, dass es nicht an peruanischer Unorganisiertheit lag. Wahrscheinlicher ist, dass die Frau ihre Macht über das gesamte Kinderprogramm behalten oder festigen wollte. Sie macht das Kinderprogramm immerhin seit Jahrzehnten alleine. Deshalb, und weil sie sehr unorganisiert und unzuverlässig ist, ist es für uns schwer, mit ihr zusammen zu arbeiten. Gleichzeitig habe ich großen Respekt vor ihr. Sie ist die Person aus der Gemeinde, die sich mit Abstand am meisten engagiert. Gleichzeitig kümmert sie sich noch um ihre Enkel, während deren Eltern arbeiten. Als ihre eigenen Kinder noch jünger waren, war sie für diese und den Haushalt allein zuständig. Gleichzeitig musste sie noch auf die Finanzen achten, da ihr Mann das Familieneinkommen hauptsächlich in Frauen und Alkohol investierte. Vielleicht fällt es ihr einfach schwer, etwas von der vielen Verantwortung für andere Menschen (und der Abhängigkeit dieser Menschen von ihr) abzugeben.
Trotz allem läuft die Essensausgabe sehr gut. Jeden Tag kocht eine Mutter das Essen, einmal pro Woche helfen Janina und ich auch mit. Wenn wir nicht kochen, fahren wir nur hin, um beim Verteilen des Essens zu helfen.
Die Kindergruppen in Amay und Humaya (40 Minuten von Huacho entfernt) laufen eher schlechter. Es kommen weniger Kinder. Wir haben oft versucht, etwas in diesen Gruppen zu verändern, wie die Zeiten, Regeln (und deren Einhaltung), Aufbau und das Programm. Die meisten unserer Vorschläge wurden einfach abgelehnt. Aufgrund dessen ist meine Motivation auch geringer geworden. Wenn ich da bin versuche ich das Beste daraus zu machen, vor allem für die Kinder. Aber wenn ich dieser Gruppen mit dem Nachmittagsprogramm in San Bartolomé vergleiche, habe ich nicht das Gefühl, etwas zu bewirken.
In den Gottesdiensten am Sonntagmorgen und Donnerstagabend hat sich nicht viel geändert. Auch hier kommen weniger Leute. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht haben die Kirchenmitglieder auch einfach weniger Zeit.
Die Kirche macht einige Veränderungen durch. Vor einigen Wochen wurde ein neuer Kirchenpräsident und –vorstand gewählt. Der neue Präsident ist 34 und Wirtschaftsprofessor an mehreren Universitäten. Ich halte viel von ihm und hoffe, dass er etwas verändern kann. In meinem ersten Rundbrief habe ich geschrieben: „Obwohl die Gemeinde sehr klein ist, ist sie sehr engagiert.“ Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert. Außer der alten Frau und ihrem Mann, der diakonische Besuche macht, gibt es fast niemanden in der Gemeinde, der sich engagiert. Vor einigen Tagen beklagte sich eine Frau aus der Gemeinde, dass immer sehr viel geplant und angekündigt, aber letztendlich nichts gemacht werde. Das ist auch mein Eindruck. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Wohnung. Als wir ankamen wurde gesagt: „Ihr müsst erst anfangen zu arbeiten, wenn in eurer Wohnung wirklich alles fertig ist.“ Seitdem sind elf Monate vergangen und es hat sich nichts getan. Vor ein paar Wochen kam der neue Kirchenpräsident auf mich zu und fragte: „Sag mal, in eurer Wohnung ist alles fertig, oder?“ Daraufhin erzählte ich ihm, was noch fehlte. Er antwortete mir: „Ok, das müssen wir noch machen, bevor die neuen Freiwilligen im September kommen. Die sollen sich schließlich wohlfühlen.“ Dass etwas vorangehen kann, habe ich in den letzten Tagen gesehen. Morgen bekommen wir Besuch von einigen Mitgliedern aus einer Partnerkirche aus Texas, USA. In der letzten Woche wurde deshalb die halbe Kirche renoviert. „Die Texaner müssen einen guten Eindruck von uns haben, damit sie uns weiterhin finanziell unterstützen.“
Wie gesagt neigt sich meine Zeit in Peru dem Ende zu. In den letzten Wochen bin ich hier gereist. Dabei konnte ich viel von diesem schönen Land sehen, das viele Probleme hat. Armut, fehlende Struktur, Bildung, Alkoholismus und Machismo sind für mich die größten. Jedoch habe ich noch nie solche Gastfreundschaft erfahren wie hier, obwohl die meisten Menschen nur etwa 200 Euro pro Monat verdienen. Ich redete mit einem Peruaner, der als Musiker viele Jahre in Skandinavien herumgereist war. Sobald man ihn auf diese Zeit anspricht, fängt er an zu schwärmen. Vom Wohlstand, der politischen Ordnung, dem Arbeitsmarkt. „Aber eine Sache fand ich nicht gut. Sie kümmern sich nicht um ihre Eltern. Wenn die Eltern alt sind, müssen die Kinder sie versorgen. Aber die Skandinavier schicken ihre Eltern in Altersheime.“ Ich nehme auch viele gute Erfahrungen mit.

Viele Grüße, Jan-Lütje

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