Donnerstag, 16. Dezember 2010

Alles rund ums Essen

Hallo,

um euch nicht nur meine Arbeit und Reisen, sondern auch mein Alltagsleben näher zu bringen, schreibe ich euch etwas über meine Ernährung. Um das Verständnis zu erleichtern, sind alle Angaben in Euro.

Zum Frühstück esse ich meistens Cornflakes. Milch kostet pro Liter 80 Cent, 500 Gramm Cornflakes kosten 1,70.

Zweimal die Woche, manchmal auch öfter, esse ich bei einer Frau aus der Gemeinde. Sie kocht jeden Tag für sich und ihre Familie. Außerdem verkauft sie das Essen für 70 Cent an andere Leute, zum Beispiel an Janina und mich, aber auch an Motortaxifahrer. Hier gibt es typisch peruanisches Essen. Das sind fast immer Reis und Kartoffeln (beides zusammen), manchmal auch Nudeln, mit ein wenig Fleisch (meistens Hähnchen) und einer Soße. Die Portionen sind immer ordentlich, wie auch in allen anderen Restaurants.
In Mittags-Restaurants zahlt man 1,10 bis 1,25 Euro für ein Mittagessen. Man sucht sich eine Vorspeise (Suppe, Ofenkartoffeln, etc.) und ein Hauptgericht aus. Die Angebote wechseln jeden Tag. Das Essen ist immer lecker und mit viel Öl zubereitet. Die Bedienung ist nicht wie in Deutschland. Es kommt vor, dass sich Kellnerinnen, während das Restaurant rappelvoll ist, an einen der wenigen leeren Tische setzen und mit ihrer Elekromusik aus dem Handy die Salsamusik aus den Boxen übertönen. Das stört aber niemanden. Während ich das am Anfang noch mit deutschen Augen sah („Das kann man doch nicht machen! Die sollten uns lieber mal bedienen.“), gewinne ich dem Ganzen mittlerweile einen gewissen Charme ab. Die Atmosphäre ist viel familiärer und die Leute entspannter.
Wenn ich selber koche, gibt es Reis, Kartoffeln oder Nudeln mit Tomatensoße. Dazu kommen, je nach Tagesstimmung, Fleisch, Zwiebeln, Tomaten, usw.

Abends esse ich ein paar Brötchen. Für 25 Cent bekommt man in einer Bäckerei acht Stueck. Auch der Einkauf in einer Bäckerei läuft anders ab. Die Leute kommen in die Bäckerei, drängeln sich so weit nach vorne vor wie möglich, klopfen mit einer Münze wild auf den Tresen und rufen laut: „Brötchen für einen Sol! Brötchen für einen Sol!“ Mich sieht man zum Glück auch so, deshalb muss ich das nicht machen.

Das waren die Hauptmahlzeiten. Wenn man zwischendurch mal Hunger und nichts im Kühlschrank hat, ist das aber auch gar kein Problem. Jedes fünfte Haus ist ein kleines Geschäft, in dem man sich Snacks kaufen kann. Diese kleinen Geschäfte würden in Deutschland alle nicht überleben, da die Leute billiger im Supermarkt einkaufen würden. Die Peruaner kaufen aber nicht auf Vorrat, meistens nur Zutaten für eine Mahlzeit. Und da bietet es sich an, kurz zum Nachbarn zu gehen.
Unser Nachbar hat ein einen Imbiss für Saft, Kuchen und belegte Brötchen (wir nennen ihn liebevoll den „Saftladen“). Der billigste Saft kostet 25 Cent, für eine Erdbeermilch (wirklich lecker!) bezahlt man 90 Cent. Der Saft kommt nicht aus der Flasche, sondern wird hier direkt zubereitet und besteht nur aus Früchten und ein wenig Wasser. Kleine Kuchenstücke kosten 15 Cent, große Stücke und belegte Brötchen 30 Cent.
Abends steht vor der Bäckerei ein kleiner Stand, an dem Hamburger (40 Cent) und Pommes mit Hähnchen (55 Cent) verkauft werden.
Eine andere Nachbarin verkauft „Papa Rellena“ für 15 Cent. Das sind so etwas wie große Kroketten, gefüllt mit Fleisch, Zwiebeln oder anderem. Dazu isst man etwas Mayonnaise und Ají (sehr scharfe Soße).

Das wars vom Essen. Naechste Woche mele ich mich wieder und berichte von der Vorweihnachtszeit.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Iquique und Arequipa

Guten,
wie im letzten Eintrag versprochen schreibe ich euch heute etwas über meine Fahrt nach Chile.
Mein letztes Visum lief am 7. November ab, deshalb habe ich einen Kurzurlaub in Iquique (Nordchile) gemacht und mir auf dem Rückweg Arequipa, die „weiße Stadt“, (Südperu) angeschaut. Am 6. November startete ich von Huacho aus. Mit „Cruz del Sur“, dem größten Busreiseunternehmen Perus, fuhr ich von Lima bis an die Grenze zu Chile. Die Fahrt dauerte 20 Stunden und es wurden 7-8 harte Actionfilme gezeigt. Die Grenze überquerte ich anschließend in einem alten Collectivo-Bus, der voll besetzt war. Collectivo heißt, dass die Busse bzw. Taxis an der Bushaltestelle warten und losfahren, wenn sie voll sind (=Sammeltaxi). Ein wenig mulmig wurde mir, als der Busbesitzer während der Fahrt rumging und sämtliche Ausweise und Reisepässe der Passagiere einsammelte. Ohne Filme, dafür aber glücklicherweise wieder mit Reisepass, kamen wir nach 40 Minuten an. Ich hatte vorher im Internet richtige Horrorgeschichten über diese Grenze gelesen. Aber wie sich herausstellte, war alles halb so schlimm. Mein Rucksack wurde nur kurz gescannt und ich wurde nicht einmal abgetastet.
In Chile angekommen tauschte ich lange Hose und feste Schuhe gegen Shorts und Flip-Flops, es wurde wärmer. Ich buchte ein Ticket nach Iquique und kam so in den Genuss weiterer 3 Filme, die während der 5-stündigen Fahrt gezeigt wurden.
Iquique gefiel mir von Anfang an. Wir fuhren mit dem Bus die riesigen Sanddünen herunter, während wir einen tollen Ausblick auf die Stadt und den Pazifik hatten. Von der Haltestelle aus fuhr ich mit einem Taxi zum „Backpackers“, einem Jugendhostel. Am Abend machte ich nicht mehr viel. Ich kaufte ein paar Sachen im Supermarkt, ging an der Promenade spazieren und unterhielt mich ein wenig mit den Leuten von meinem Zimmer. Mit mir auf meinem Zimmer wohnten eine Schweizerin und 3 Israelis, alles total interessante und nette Menschen. Die Schweizerin war 33 und hatte ihr ganzes Leben lang Geld beiseitegelegt, um irgendwann einmal nach Südamerika zu kommen. Sie wohnte seit eineinhalb Jahren bei Verwandten in Santiago und machte gerade Urlaub in Iquique. Die Israelis, 2 Männer und eine Frau, kamen alle frisch aus ihrer zwei- bzw. dreijährigen Armeezeit (was nicht wie bei uns Grundausbildung heißt, sondern Krieg). Jetzt machten sie einen „After-Army-Trip“, wie sie selbst sagten, und reisten für ein halbes Jahr mit dem Rucksack durch Südamerika (=Backpacker). Außer mir war noch eine andere Deutsche im Hostel, die als Freiwillige in Chile arbeite. Außerdem vertreten waren (alles Backpacker, falls nicht anders erwähnt): Eine Nordamerikanerin und ein Australier, die vor ein paar Monaten in Mexiko gestartet waren und uns insgesamt ein halbes Jahr in Südamerika reisten, ein Ehepaar aus der Schweiz, zwei junge Frauen aus der Schweiz, die ihr Studium gerade abgeschlossen hatten (eine von ihnen hatte ein Bewerbungsgespräch über Skype), zwei Franzosen, die in Südchile als Köche arbeiten und gerade Urlaub machten, eine Französin, die auch gerade mit dem Studium fertig war und ein paar Argentinier. Also eine große Mischung an Leuten, die viel fragten und viel von sich erzählten.
An meinem ersten Morgen in Iquique ging ich Gleitschirm fliegen. Wie ich später erfuhr, gehört Iquique zu den 10 besten Gleitschirmfluggebieten der Welt, da es hier immer gutes Wetter und fast keine Vorschriften gibt. Im Gegensatz zu Deutschland kann man über die ganze Stadt fliegen und landen, wo man will (auch auf der Hauptstraße). Nach einer kurzen Einweisung von meinem Guide Raul koppelten wir uns an den Tandemgleitschirm, liefen auf eine Klippe zu und wurden vom Wind in die Luft gehoben. Nach einer halben Stunde landeten wir am Strand direkt vor meinem Hostel. Nachmittags ging ich in der Stadt rum, später ging ich in ein riesiges steuerfreies Einkaufszentrum. Abends kochte ich mit den Israelis Shakshukka, sehr lecker. Am nächsten Tag waren wir viel am Strand und abends gab es ein Barbecue im Hostel. Nachts um drei nahm ich wieder einen Bus zur peruanischen Grenze, überquerte diese ohne große Schwierigkeiten, und fuhr weiter nach Arequipa.
Arequipa wird, wie gesagt, auch die „weiße Stadt“ genannt. Hier übernachtete ich in einem Hostel, das mir die Israelis empfohlen hatten. Dort traf ich zufällig auch einen Freund von ihnen. Am nächsten Tag schaute ich mir die Stadt an. Es gab eine Unmenge an Kirchen und Klöstern. Mein Highlight war „Santa Catalina“. Das ist ein Kloster, das aus Vulkangestein gebaut worden ist. Es ist zwar nur einstöckig, aber trotzdem sehr groß. Es sieht fast wie ein kleines Dorf aus (es gibt sogar Straßen mit Namen). Abends fuhr ich mit einem Bus los nach Lima.
Mein erster Urlaub hat mir richtig gut gefallen. Viel gesehen (unter anderem insgesamt etwa 20 Filme), viele Leute kennen gelernt. Ich hab auch mehr Lust auf Rucksackreisen bekommen und mehr darüber gelernt (Preise von Hostels, wie man gute von schlechten unterscheidet und sich im Internet informieren kann, Reisebusse, usw.). Mein jetziges Visum ist wieder nur für 3 Monate. Wahrscheinlich fahre ich dann nach Ecuador. Ausserdem möchte ich noch die typische Perutour machen, inklusive Machu Pichu und dem Titicacasee.
Jan-Lütje oder Lüddi

Montag, 22. November 2010

Neues von der Arbeit

Hey!

Zuerst: Entschuldigung, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Das lag nicht daran, dass ich zu viel zu tu hatte, sondern daran, dass ich mich nicht dazu aufraffen konnte. Aber ich verspreche, dass ihr in Zukunft häufiger von mir hören werdet. Wenn es euch mit einem neuen Eintrag zu lange dauert, schickt mir einfach eine kurze, zornige E-Mail oder Facebooknachricht.

Was gibt’s neues?
Wir sind zweimal die Woche, dienstags und donnerstags, morgens im Kindergarten und unterrichten Englisch. In meiner Gruppe sind etwa 20 5-jährige Kinder. Wenn wir ankommen, werden wir meistens von lauten Rufen der ganzen Kinder begrüßt. Danach wollen die Kinder meistens, dass ich sie hochhebe. Der Unterricht dauert etwa eine Stunde. Mithilfe von Plakaten oder Bildern bringe ich den Kindern Grundbegriffe bei, zum Beispiel Zahlen, Berufe oder Mitglieder einer Familie. Obwohl die Kinder erst 5 Jahre alt sind, können sie schon alle Buchstaben schreiben. Oft wissen sie nicht, welcher Buchstabe zu welchem Laut gehört, aber trotzdem hat mich das überrascht. Ich konnte in dem Alter nur meinen Namen schreiben. Die Arbeit im Kindergarten macht mir insgesamt viel Spaß, ist aber auch anstrengender, als ich gedacht hätte.
Von Dienstags bis Freitags ist nachmittags in unserer Wohnung Englisch- und Deutschunterricht. Am Anfang kamen immer etwa 10 Leute. Jetzt kommen leider nur noch 2-3. Ich glaube, dass liegt zum einen daran, dass alle am Anfang Semesterferien hatten, außerdem waren wir Deutschen noch interessanter. Daher heißt es jetzt, dass wir mit wenigen Leuten arbeiten und neue Leute einladen müssen. Im Englischunterricht machen wir zuerst ein wenig Grammatik, danach hören wir englische Lieder, übersetzen diese und üben die Aussprache des Textes. Außerdem unterhalten wir uns auf Englisch. Manche der Jugendlichen können zwar die Grammatik sehr gut, haben aber Schwierigkeiten mit Aussprache und dem freien Reden. Im Deutschunterricht machen wir eher Sachen wie Wochentage oder einfache Gespräche („Ich heiße…, komme aus…“).
Donnerstagabends ist Hausgottesdienst. Wir treffen uns dafür im Haus einen Gemeindemitgliedes (auch in unserem), singen Lieder und hören eine Andacht. Danach wird noch bei einem Snack oder Brötchen geplauscht. Die Predigten sind aber meiner Meinung nach zu lang. 45 bis 60 Minuten sind keine Seltenheit, auch im Hauptgottesdienst. Meistens hören die Leute schon nach fünf Minuten nicht mehr zu. Vor allem der Hausgottesdienst ist eine gute Gelegenheit, um sich über einen Bibeltext auszutauschen und zu unterhalten. Ich weiß aber nicht , inwiefern ich in der Rolle bin, so etwas vorzuschlagen. Zum einen nicht, weil der Pastor oder Präsident eine höhere Stellung haben als ich, zum anderen, weil die Leute kein Problem mit der aktuellen Durchführung zu haben scheinen. Vielleicht sind sie aber auch einfach zu sehr daran gewöhnt, wie es ist.
Das Programm am Samstagnachmittag läuft auch nicht mehr so gut. In den letzten drei bis vier Wochen sind nicht mehr so viele Kinder gekommen. Ich kann nicht sagen, woran das liegt. Das Programm existiert in dieser Art und Weise schon zwei oder drei Jahre, deshalb hat mich der plötzliche Rückgang überrascht. Wir haben angefangen ein Krippenspiel für Weihnachten zu üben. Das fanden die meistens Jungs zwar nicht sooo gut, aber ich glaube nicht, dass sie deshalb nicht kommen. Vorher sind sie nämlich auch eher wegen des Fußballspielens im Anschluss an das inhaltliche Programm gekommen. Ein weiteres Problem ist, dass die Jungs sehr unpünktlich sind und meistens 30 bis 45 Minuten zu spät kommen. Die Leiterin des Programms sagt den Jungs immer wieder, dass wir pünktlich anfangen, kommt aber leider meistens selbst zu spät. Mein Vorschlag, dass wir nicht nur einen festen Anfang, sondern auch ein festes Ende haben und weniger Fußball spielen, wenn die Jungs zu spät kommen, wurde abgelehnt. Stattdessen wollen wir jetzt gleich zum Fußballplatz gehen und dort den inhaltlichen Teil machen. Das Problem ist, dass alle dann genauso gut zu spät kommen können und draußen in der Nähe des Fußballplatzes abgelenkt sind. Ich habe auch schon daran gedacht, dass es besser wäre, das Fußballspielen und den inhaltlichen Teil separat zu machen. Dann würden wahrscheinlich mehr Jungs zum Spielen und weniger zum inhaltlichen Teil kommen, aber dafür könnte man den inhaltlichen Teil ausweiten und auch größere Spiele machen. Außerdem würden die Jungs die kämen, auch wirklich da sein wollen und nicht nur bis zum Fußballspielen kommen.
Im Kindergottesdienst am Sonntagmorgen und in Humaya am Sonntagnachmittag haben wir auch mit Krippenspielen angefangen. Auch hier hatten die Kinder am Anfang eher weniger Lust, mittlerweile sind sie aber gut dabei. Die Kinder haben Texte zum Lernen mit nach Hause genommen. Aber ich bezweifle, dass sie den Text Weihnachten immer noch haben, geschweige denn ihn auswendig können.
Insgesamt haben wir hier eher wenig zu tun, pro Woche kommen wir auf 20-25 Stunden. Eigentlich sollten wir auch an der Uni unterrichten. Aber mittlerweile halte ich das für unrealistisch. Das Anfangsdatum wurde immer weiter nach hinten verschoben. Mittlerweile ist seit eineinhalb Monaten normaler Unterricht und ich bezweifle, dass jemals etwas Richtiges mit der Universität abgesprochen wurde.
Ich würde gerne mehr arbeiten, denn dafür bin ich hier. Ich habe zum Beispiel daran gedacht, öfter in den Kindergarten zu gehen. Außerdem könnte man eine Hausaufgabenhilfe für Kinder anbieten oder mehr Angebote für Jugendliche machen. Wenn ihr Ideen habt, her damit!

Für viele Sachen fehlt aber scheinbar das Geld. Sogar die 5 Soles (1,50 €) zur Nutzung des Fußballplatzes werden von den Jungs eingesammelt. Gleichzeitig will die Gemeinde jetzt nicht nur den Platz der Kirche verlegen, sondern auch eine ganz neues Kirchengebäude bauen. Dabei ist die alte Kirche noch lange nicht ausgelastet und 3 Gruppenräume, die für die neue Kirche angedacht sind, werden auch nicht gebraucht. Es finden nämlich nie Veranstaltungen gleichzeitig statt.
Ich glaube, dass die Gemeinde zurzeit generell feststeckt. Zum Gottesdienst kommen immer dieselben Leute. Ich glaube, es wäre wichtiger, neue Leute einzuladen und die bestehenden Veranstaltungen zu überdenken, anstatt eine neue Kirche zu bauen. Mit dem Geld könnte man auch einen Koch- und Spieleabend für Jugendliche anbieten oder den Fußballplatz bezahlen.

Danke für’s Lesen, nächstes Mal erzähle ich euch vom Essen und meinem Urlaub in Chile und Arequipa - Jan-Lütje

Mittwoch, 22. September 2010

Man gewöhnt sich an alles

Hallo liebe Verwandte, Freunde und Bekannte!

Ich bin seit dreieinhalb Wochen in Huacho. Eigentlich sollten wir an Dienstag, dem 24. August hierher kommen, aber da die Wohnung noch nicht fertig war, konnten wir erst an Samstag, dem 28. August einziehen.
Unsere letzte Zeit in Lima verbrachten wir wie auch die erste Woche: morgens Spanisch, nachmittags und abends Hausaufgaben und die Erkundung von Lima. Da wir hier, wie schon gesagt, eigentlich nur 2 Wochen bleiben sollten, hatten wir in den letzten Tagen keinen Unterricht. So konnten wir lange schlafen und viel unternehmen. Wir waren zum Beispiel ein paar Mal in den „Polvos Azules“ (blauer Staub). Das ist ein ziemlich großes, mehrstöckiges Einkaufszentrum. Man kann es aber nicht mit einer Einkaufsmall oder Dodenhof vergleichen. Stattdessen gibt es unzählige kleine Stände. Man bekommt hier so ziemlich alles. Von Markenklamotten (Pullover von Lacoste für umgerechnet 15-20 Euro) über DVDs (für 1-2 Euro) bis hin zu allen möglichen Elektroartikeln. Die Verkaufsstände stehen dicht an dicht und sehen meistens gleich aus. Während die Eltern hier arbeiten, spielen die Kinder im Gang auf dem Boden. Viele Kinder sind auch allein zu Hause. Ein Bekannter aus Huacho sagte: „Sie werden vom Fernseher erzogen“. In beiden Fällen, allein zuhause oder sich selbst im Einkaufszentrum überlassen, erfahren sie keine richtige Erziehung und es achtet niemand darauf, ob sie zur Schule gehen oder Hausaufgaben machen. Ihr Leben ist so leider schon mit ihrer Geburt vorprogrammiert. Die Verkäufer versuchen einen, wie auf einem Gemüsemarkt, dazu zu bewegen, an ihren Stand zu kommen um ihre Produkte zu kaufen. Man muss dazu sagen, dass es hier bei vielen Geschäften, vor allem bei Restaurants, üblich ist, dass einer der Kellner draußen oder im Eingang mit einer Speisearte wartet und versucht, die Menschen davon zu überzeugen, gerade in ihr Geschäft, Restaurant oder Lokal zu kommen. Wenn man an einer Ampel wartet, ist es ganz normal, dass Verkäufer von Obst, Bonbons oder Zeitung zwischen den Autos hin-  und hergehen. Wegen unserer hellen Hautfarbe, die bei vielen Leuten für unbegrenzten Reichtum steht, werden wir eigentlich ständig angesprochen. Jemand erklärte mir, dass viele arme Leute die Vorstellung hätten, dass unsere Häuser oder Wohnungen praktisch voller Tüten mit Geld wären.
Am besagten Samstag wurden wir in Christo Rey von Ermando und Ezequiel abgeholt. Ermando ist Pastor der lutherischen Gemeinde „Galilea“ in Huacho und gleichzeitig Präsident der lutherischen Kirche Perus (ILEP). Ezequiel ist der Gemeindepräsident in Huacho. Janina und ich dachten, dass wir mit ihnen sofort nach Huacho fahren würden. Wir erfuhren jedoch, dass in unserer Wohnung noch zu wenig Möbel seien. Ehemalige schwedische Missionare hatten ihre Möbel in Lima gelassen, diese brachten wir mit einem kleinen LKW zum Bus, der uns nach Huacho bringen sollte. Es gibt viele Reisebusunternehmen, die die Route Lima-Huacho befahren und man kommt von 4-21 Uhr für 3€ nach Lima oder Huacho. Nachmittags kamen wir in Huacho an. Huacho wird übrigens auch die „Hauptstadt der Gastfreundlichkeit“ genannt. Zu Recht, wie wir feststellen konnten. Abends kamen etwa 15 Leute in unsere Wohnung, brachten viel zu essen mit und begrüßten uns. Und auch sonst helfen einem die Menschen, wo sie nur können. Ezequiel sagte uns, dass sein größtes Interessen darin liegt, dass es uns gut gehe.
Unsere Wohnung liegt im Zentrum Huachos neben einem Park, in dem den ganzen Tag über Kinder spielen. Sie ist ca. 100 m2 groß und wurde extra für uns renoviert. Die Renovierung ist jedoch noch nicht ganz abgeschlossen. Wir brauchen noch einen Wasseranschluss für die Waschmaschine, eine weitere Steckdose in der Küche und Licht auf dem Flur. Die Wände sind alle weiß gestrichen. Es gibt sehr viele Möbel (als wir unsere Wohnung das erste Mal betraten, fragten wir uns, wo die neuen Möbel noch hinpassen sollten. Es war nämlich auch so schon zu voll.), aber wenig Farben. Die Wohnung wirkte daher anfangs ein wenig kahl und steril, was typisch peruanisch ist. Man gewöhnt sich aber schnell daran. Es gibt nur kaltes Wasser. Zuerst kam ich mir jeden Morgen vor wie der Mann aus der Actimel-Werbung vor(er duscht kalt, seine Frau trinkt Actimel und hört seine Schreie aus dem Badezimmer). Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Man darf nicht vergessen, dass hier alle Leute kalt duschen.
Huacho ist eine Stadt mit etwa 60000 Einwohnern. Sie liegt direkt an der Küste. Huacho wirkt aber eher wir ein Dorf, da es hier keine großen Gebäude gibt. Bis auf eine größere Straße mit vielen Geschäften gibt es fast nur Wohnhäuser, am Stadtrand auch Hütten. An Geschäften gibt es hier vor allem 4 Arten: Apotheken, die man eher mit Rossmann oder Schlecker vergleichen kann, Banken, Pollarias (Lokale für Hähnchen am Spieß) und Lokale für Chifa (Chinesisches Fastfood). In Huacho wird sehr viel Fischfang betrieben, deshalb gibt es am Hafen viele Fischrestaurants. Auf den Straßen laufen viele Hunde rum. Sie leben nur selten in Häusern und ich habe noch keinen Hund gesehen, der angeleint war. Wie in Deutschland die Katzen laufen die Hunde einfach frei herum. Auf den Straßen fahren mehr Motortaxis als Autos, außerdem gibt es viele alte Autos und LKWs. Ermando und Ezequiel wohnen beide in unserer Straße, was die Orientierung vor allem am Anfang erleichtert hat.
Ezequiel wohnt mit seiner Familie, seinen Eltern und seinen 4 Geschwistern mit Familien auf einem Grundstück, praktisch in einem Reihenhaus. Diese Großfamilie bildet den Grundstein der Gemeinde, in der ich arbeite. Dazu kommen noch einige einzelne Personen und Familien. Ich kann schlecht abschätzen, wie viele Mitglieder die Gemeinde hat, denke aber 30-40. Zum Gottesdienst kommen etwa 15 Leute. Obwohl die Gemeinde sehr klein ist, ist sie sehr engagiert. Ezequiel, der fast alles für die Gemeinde organisiert, sagt, dass sich viele Gemeinden in ihren Kirchengebäuden einschließen würden. Die Mitglieder der Gemeinde Galilea wollen deshalb in eine andere Richtung arbeiten: Sie wollen den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Alltag begegnen und sie für die Kirche und Gott begeistern und einladen. Das machen sie zum Beispiel durch Sportangebote, Hausbesuche und in Zukunft auch durch Sprachunterricht, den Janina und ich machen werden. Die Kirche steht auf dem Grundstück eines Hermanos (übersetzt: Bruder, hier eine normale Anrede unter Gemeindemitgliedern). Sie bietet Platz für 80-100 Leute. Zurzeit spart die Gemeinde dafür, sich ein eigenes Grundstück zu kaufen, auf das man die Kirche bauen kann. Sie ist aus Holz, damit sie leicht transportier- und wiederaufbaubar ist.
Bis zu dieser Woche hatten wir leider wenig zu tun und haben viel zuhause rumgesessen. Eigentlich sieht unsere Woche folgendermaßen aus: Montags haben wir frei. Dienstags und donnerstags geben wir um 16 Uhr Englischunterricht, mittwochs und freitags Deutschunterricht. Diese Termine sind kostenlose Angebote der Gemeinde für Jugendliche und junge Erwachsene und finden bei uns zuhause statt. Ebenfalls innerhalb der Woche unterrichten wir Englisch im Kindergarten und an der Universität. Hierfür stehen die Termine jedoch noch nicht fest. Bis Ende September sind an der Uni Semesterferien, und bis wir unsere Stunden für den Unterricht dort noch nicht wissen, können wir keine festen Zeiten im Kindergarten abmachen. Diese ganzen Veranstaltungen haben aber noch nicht stattgefunden, los geht es erst ab heute. Bisher hatten wir deshalb innerhalb der Woche außer ein paar Besprechungen und diakonische Besuche nichts zu tun. Da wir die ersten Freiwilligen in dieser Projektstelle sind, musste die ganze Arbeit erst organisiert werden.  Eigentlich habe ich nichts dagegen, mich mal auszuruhen, aber diese Zeit war für meinen Geschmack zu lang. Es ist ein wenig nervig, wenn man seine Tage damit zubringt, einzukaufen und zu lesen, obwohl man arbeiten will. So konnten wir auch nur am Wochenende richtig Spanisch sprechen, denn dann finden die meisten Gemeindeveranstaltungen statt. Samstagnachmittags ist ein Treffen für Kinder bis 13 oder 14 Jahre. Zuerst singen wir, spielen ein oder zwei Spiele und machen etwas Inhaltliches. Die letzten Male haben wir die 10 Gebote behandelt. Doch während man in Deutschland wahrscheinlich eine Geschichte passend zu einem Gebot erzählt und mit den Kindern darüber geredet hätte, mussten hier selbst die Kleinsten die 10 Gebote, wie sie in der Bibel stehen, auswendig im Chor aufsagen (jeweils mit Stellenangeben). Nach dem inhaltlichen Teil machen wir Sport, normalerweise spielen die Jungs Fußball und die Mädchen Volleyball. An ihrem guten Ballgefühl merkt man, dass sie viel Sport machen. Zum Sport machen gehen wir auf einen Schulhof. Dort gibt es einen betonierten Sportplatz mit Toren. Um hier spielen zu dürfen, müssen wir dem Hausmeister Geld geben. Es ist aber so, dass die meisten Jungs in erster Linie wegen des Fußballspielens kommen. Deshalb sind manche während des Programms ein wenig unruhig. Doch ich glaube, das bekommt man in den Griff, wenn man gutes Programm macht und klare Vereinbarungen bezüglich der Zeitaufteilung trifft. Abends ist Jugendkreis. Er existiert noch nicht lange, kommt aber ins Rollen. Sonntag ist der vollste Tag. Morgens um 7.30 Uhr spielen wir mit einigen Jugendlichen Basketball, um 10 Uhr ist Kindergottesdienst. Der Kindergottesdienst wird sehr gut besucht, hier kommen etwa 15 Kinder. Das hört sich zuerst nach nichts Besonderem an, in Deutschland werden mehr Kinder von ihren Eltern zum Kindergottesdienst gebracht. Hier ist es jedoch so, dass die Kinder allein herkommen. Die Eltern interessiert oft nicht, was ihre Kinder machen. Manche wissen nicht einmal, dass es eine lutherische Gemeinde gibt. Trotzdem wirken die Kinder immer fröhlich. Nach dem Kindergottesdienst findet der normale Gottesdienst statt. Hier helfen wir beim Verteilen des Abendmahls oder beim Lesen der Liturgie und von Bibelstellen. Nachmittags fahren wir nach Humaya. Das ist ein Ort, der etwa eine halbe Stunde entfernt im Landesinneren liegt. Wegen eines Flusses gibt es hier viele Pflanzen und Landwirtschaft. Das ist ein Gegensatz zu Huacho, das in der Wüste liegt. Die Eltern der Kinder, mit denen wir hier Programm machen, arbeiten alle in der Landwirtschaft. Da sie von früh morgens bis spät abends auf den Feldern sind, sind die Kinder den Tag über allein auf der Straße oder gucken zuhause Fernsehen. Viele Kinder sind auch nachts nicht zuhause, sondern schlafen auf der Straße. 
Den letzten Bereich meiner Arbeit stellen die bereits erwähnten diakonischen Besuche dar. Bisher in Begleitung, später allein, besuchen wir Menschen, auch Nicht-Gemeindemitglieder, die nicht zum Gottesdienst kommen können. Das kann an Krankheiten liegen oder daran, dass sie nicht genug Geld haben, um zur Kirche zufahren. Die meisten Mitglieder wohnen nämlich weit von der Kirche entfernt, deshalb auch der Umzug. Außerdem werden wir in Zukunft auch Leute besuchen, die im Gefängnis sind.
Nach fast eineinhalb Monaten in Peru bin ich langsam angekommen und habe mich eingelebt. Man kennt die Lebensweise und den Lebensrhythmus der Menschen, die hier wohnen und lernt, wie man sich im Alltagsleben verhält. Man kennt sich bei Preisen im Supermarkt aus und kann sich mit fast allen Leuten unterhalten (Ausnahme: Unser alter Nachbar, der keine Zähne mehr hat und deshalb undeutlich spricht. Das Einzige, was ich von dem verstehe, was er sagt, ist: „Verstehst du?“). Ich bin jedes Mal überrascht, wenn ich Menschen mit heller Haut sehe. Besonders blonde Menschen fallen mir stark auf, die kennt man nur noch von Bilder oder aus dem Fernsehen. Das Gleiche gilt für Wasser. Da Huacho in der Wüste liegt, wundere ich mich sogar, wenn ich einen kleinen Bach sehe. Auf der Straße gibt es viele Verkäufer, sie fallen einem gar nicht mehr richtig auf. Ich muss mich jedes Mal selbst daran erinnern,  „No, gracias“ zu sagen und sie nicht zu ignorieren. Während ich mich zuerst etwas an den pädagogischen Methoden gestoßen habe, merke ich jetzt, dass die Mitarbeiter der Gemeinde diese mit Liebe und Zuneigung kompensieren können. Für die Kinder ist nicht wichtig, was wir mit ihnen machen. Wichtiger ist, dass wir für sie da sind und sie ernst nehmen. So können wir ihnen hoffentlich ein sorgenfreies Zuhause bieten, das sie sonst nicht kennen.
Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass mein Leben hier total hart ist, denn das ist es nicht. Man gewöhnt sich wirklich an das meiste und es wird zum Alltag.
 

Das war’s erstmal wieder von mir, ich freue mich über E-Mails und Facebooknachrichten ;)
Jan-Lütje

Samstag, 21. August 2010

Sprachkurs in Lima

In meiner ersten Woche in Peru war ganz schön viel los, es gibt einiges zu erzählen.

Los ging es an Dienstag, dem 10. August 2010. Nachdem ich morgens verschlafen hatte, bin ich dank Tobi und Nils noch rechtzeitig am Flughafen angekommen und gegen 7:00 von Hannover nach Frankfurt losgeflogen. Von dort ging es weiter nach Caracaz (Venezuela). Im Flugzeug neben uns saßen andere Freiwillige aus Baden-Würtenberg, mit denen wir uns gleich angefreundeten. Der letzte Flug nach Lima verlief auch gut. Am Flughafen von Lima wurden wir schließlich gegen 22:00 Uhr von Uta und zwei anderen Frauen abgeholt. Uta ist seit März als Missionarin des Missionswerkes Hermannsburg, also mit der gleichen Organisation wie ich, in Lima. Sie leitet eine Gemeinde im Stadtteil Comas, in der auch Ben und David arbeiten werden. Gemeinsam fuhren wir zur Gemeinde Christo Rey, die im Stadtteil Surco liegt. Seitdem ist sie unser Quartier, von dem wir morgens zum Spanischkurs und nachmittags und abends in die Stadt fahren.

Christo Rey ist die einzige Mittelstandsgemeinde Limas. Sie wurde vor 22 Jahren vom deutschen Missionar Friedrich Hahler gegründet. Heute wird sie von der amerikanischen Missionarin Dana geleitet. Der Mittelstand Perus ist aber nicht mit dem deutschen zu vergleichen. Die Nachbarschaft ist ein wenig heruntergekommen und unsere Zimmer sind sehr einfach eingerichtet. Das ist aber nicht schlimm, man gewöhnt sich schnell daran.

Am Morgen nach der Ankunft hatten wir zum ersten Mal Unterricht und wir sahen Lima bei Tag. Hier stehen vor jedem Haus Mauern oder Zäune. Sie dienen dem Schutz vor Einbrechern und sind 2-3 Meter hoch. Als ich Uta darauf ansprach, erzählte sie mir, dass die das auch komisch fände. Doch ein Freund hätte ihr gesagt, dass sie die Mauern mögen würde, wenn sie erst einmal überfallen worden sein wäre.

Auf den Straßen fahren entweder Taxis, ältere Autos oder teure, neue Geländewagen. Sie gehören der Oberschicht und werden gebraucht, um die Berge in den Anden oder in Lima selbst hochfahren zu können. Der Fahrstil der Peruaner ist genauso verrückt, wie ich angenommen hätte. Doch hinter ihm steckt ein System: Jeder ist für das verantwortlich, was vor ihm passiert. Das heißt, dass man keinen Schulterblick macht, sondern einfach die Spur wechselt. Der Hintermann muss dafür aufpassen, bei einem Unfall bekommt er in jedem Fall die Schuld.

Unser Spanisch Lehrer heißt Daniél Ingunza. Er wird von der deutschen Botschaft empfohlen und unterrichtet die Deutschlehrer der Humboldtschule. Im Unterricht behandeln wir aber nicht nur die normale spanische Sprache, sondern auch die Geschichte und das politische System Perus sowie die Ausdrücke, die man auf der Straße benutzt und die nicht im Wörterbuch stehen (die Taxifahrer lachen immer, wenn wie sie benutzen).

Da im Oktober Wahlen für die einzelnen Bürgermeister der Stadtteile Limas und Präsidentenwahl in Peru sein werden, hängen überall große Plakate und Schilder. Die peruanische Politik ist jedoch von Korruption geprägt (im Jahr 2002 wurde das erste Mal ein Politiker wegen Bestechung verhaftet, das war bis dato unvorstellbar) und die normale peruanische Bevölkerung ist nicht gut gebildet. Außerdem hat der Präsident sehr viel Macht (zum Beispiel kann er Minister einfach so entlassen und entscheidet über alle wichtigen Gesetze), daher ist Peru meiner Meinung nach noch ein kleines Stück von einer richtigen Demokratie entfernt. Der jetzige Präsident Perus, Alan Garcia, ist ein Weißer. Vor ihm war Alejandro Torledo an der Macht, ein Indigo. Er war der erste farbige Präsident in Peru. Obwohl er gute Politik gemacht haben soll, war er am Ende seiner Amtszeit laut Umfragen nur noch bei 6 % der Bevölkerung beliebt. Die Menschen, von denen die meisten selbst farbig sind, trauten einem von ihnen selbst einfach nicht zu, das Land zu führen. Sie trauten dies nur einem Weißen zu, weshalb Daniél sagt, dass Peru noch in der Kolonialzeit feststecke (diese endete offiziell 1821 im Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien).

Die Stadt Lima ist faszinierend. Man entdeckt hier jeden Tag neue Sachen, aber leider ist Lima sehr von Gegensätzen geprägt. In Miraflores, dem besten Stadtteil, kommt einem alles sehr europäisch vor. Hier gibt es Supermärkte, die so groß und gut sortiert wie in Deutschland, Hotels, in denen man 300 € pro Nacht zahlt, viele Hochhäuser und Starbucks. Außerdem sieht man blonde Menschen, das ist sonst sehr selten. Im Zentrum Limas befinden sich die Regierungsgebäude und eine lange Einkaufsstraße mit teuren Läden (Preise leicht unter deutschem Niveau). Am Ende der Straße ist der „Plaza de Armas“. Wenn man weiter in die gleiche Richtung geht, kommt man an den Fluss Rimac. Er ist im Winter fast ausgetrocknet. Hinter dem Fluss sieht man den Stadtteil Rimac. Wenn man eben noch von amerikanischen Fast-Food-Restaurants umgeben war und sich vorkam wie zuhause, sieht man hier einen der armen Teile Limas. Als ich mit einem Peruaner mit dem Taxi durch den Nachbarstadtteil „La Victoria“ gefahren bin, hat er mir geraten, hier nicht auszusteigen. Die Häuser sind 3-4 Stockwerke hoch gebaut und liegen eng an eng an einem Hang. Viele Häuser haben keine Fenster. Oben auf den Häusern sieht man Metallstangen aus den Mauern gucken. Die Bewohner bauen ein neues Stockwerk oder einen Teil davon auf ihr Haus, wenn sie wieder genug Geld haben, darum brauchen sie die Metallstangen eventuell noch. Jemand sagte mir, dass jede Stange deshalb ein Zeichen der Hoffnung sei.

Mein Tagesablauf sieht hier normalerweise so aus: Um etwa 7:30 Uhr stehen wir auf, gehen duschen und frühstücken. Zum Frühstück gibt es normalerweise Cornflakes oder Brötchen (für 10 Brötchen bezahlt man etwa 2 Soles, was 50 Cent entspricht). Um 8:45 werden wir von Mario, unserem Taxifahrer, abgeholt. Er bringt uns zum Unterricht. Um 12:15 holt er uns wieder ab und fährt uns zurück. Wenn wir nachmittags nicht in der Stadt unterwegs sind oder zum Mittagessen eingeladen, gehen wir essen. Unser Favorit hierbei ist „Der Hänchenmann“, wo man für 10 Soles (2,50 €) einen riesigen Teller voller Pommes und Hähnchen und eine Flasche mit wahlweise Coca Cola oder Inca Cola (hier ein totales Kult-Getränk, das nach Kaugummi schmeckt) bekommt. Nachmittags und abends gibt es oft eine Aktivität in Christo Rey, wie zum Beispiel Englischunterricht oder Gottesdienste. Wir Deutschen haben hier einen leichten Promiststatus, als wir den Englischunterricht gestaltet haben, kamen ein paar Leute, die vorher noch nie da waren. Oft unternehmen wir auch etwas mit Uta. Wir haben schon 2 andere Missionare des Missionswerkes Hermannsburg getroffen, einen Vortrag des Präsidenten des „Lutheran World Relief“ gehört und waren mit ihr bei einer Jugendguppe in Lurin. Lurin liegt außerhalb von Lima und hat ca. 20000 Einwohner. Lurin ist etwa vom Wohlstand der Menschen mit La Victoria oder Rimac zu vergleichen, aber es ist sauberer. Als wir zu Beginn des Abends mit den Jugendlichen durch die Stadt gingen, guckten uns alle Leute an. Von manchen Seiten hörte man Leute „Gringos!“ rufen (dieser Ausdruck ist aber nicht böse gemeint). Auf sandigen, nassen Straßen (sie waren nicht nass wegen Regen, sondern weil die Leute Sachen vor ihrem Haus auskippen), gingen wir durch die Stadt. Die Farben der bunten Häuser waren verblasst und oben waren, wie auch in Lima, Metallstangen zu sehen. Die oberen Stockwerke wurden genutzt, obwohl sie nicht einmal Wände hatten. Trotz allem hatte die Stadt einen gewissen Charme. Die Straßen waren voller fröhlich aussehender Menschen, es fuhren wenig Autos, und vor den Häusern saßen gutgelaunte Menschen und genossen den Abend. Das Ziel unserer Tour war schließlich eine Aussichtsplattform. Sie war neu, gut gebaut und sah gut aus. Es war aber ein komisches Bild: Die Stadt sehr arm, und auf dem höchsten Punkt eine große, bunte Plattform, die den Tourismus ankurbeln soll. Zuerst war sie geschlossen, aber als der Wächter uns Deutsche sah, durften wir alle rein.

Durch solche Erlebnisse merke ich, wie privilegiert ich als Deutscher bin. Ich kann mir in Lima (fast) jedes Restaurant leisten, als Abiturient Englisch an der Universität unterrichten und werde nur wegen meiner Kleidung und Hautfarbe respektiert (neulich sollte ich in einem Restaurant auf den Laptop eines Geschäftsmann aufpassen, während dieser auf Toilette war). Außerdem kann ich jederzeit aus dieser Welt aussteigen und einfach zurück nach Deutschland fliegen, das können fast keine Menschen von hier.

Ich bin gespannt, wie dieses nächste Jahr wird. Schon in den ersten anderthalb Wochen habe ich so viel erlebt, und ich habe noch gar nicht angefangen zu arbeiten.

Dienstag geht es dann los nach Huacho. Die Leute dort freuen sich wohl schon sehr auf uns und Donnerstag gibt es einen Begrüßungsgottesdienst.

Danke fürs Lesen, Jan-Lütje

PS. Wenn ihr bestimmte Fragen habt oder ich etwas genauer erklären soll, schreibt mit einfach. Dann baue ich es in meinen nächsten Eintrag ein.

Sonntag, 8. August 2010

Die letzte Zeit in Deutschland

So, hier kommt mein erster Eintrag auf meinem Blog, in dem ich euch etwas von meinem FSJ in Peru erzählen möchte. Ich werde für ein Jahr in Huacho, einer Stadt mit ca. 60.000 Einwohnern, leben (10. August 2010 - 9. August 2011). Huacho liegt 150 km nördlich von Lima an der Pazifikküste. Den größten Teil meiner Arbeit werde ich in der örtlichen Gemeinde "Galilea" (ev. luth.) zubringen, außerdem werde ich Englisch an der Wirtschaftsuniversität unterrichten (ich bin gespannt, wie das laufen wird). In Huacho bin ich aber nicht der einzige Freiwillige, ich wohne und arbeite mit Janina aus Göttingen zusammen.
Zur Zeit bin ich dabei, die letzten Sachen zum Packen zusammen zu suchen. Es ist ziemlich eigentartig und schwierig, für ein Jahr Kleidung (ich werde wohl Schwierigkeiten damit haben, Hosen und Schuhe in meiner Größe zu finden) und andere Sachen, die man so braucht, zu kaufen (z.B. deutsche Bücher, Duschgel (ich mag meins einfach so gerne), Karteikarten zum Spanischlernen) - außerdem ist es teuer. 
In Peru werde ich nicht sofort anfangen, zu arbeiten. In den ersten 2 Wochen haben Janina, Ben, David (zwei andere Freiwillige, die in Lima sind) und ich einen Spanisch- und Peru-Intensivkurs in Lima. 
Zum Abschluss dieses ersten Eintrags möchte ich mich bei folgenden Organisationen und Menschen bedanken:
- dem ev.-luth. Missionswerk Hermannsburg (besonders bei Pastor Thomas Wojciechowski, Daniela    Puhrsch und Heidrun Völker) für die tolle Vorbereitung und Organisation ( http://www.elm-mission.net/ )
- "weltwärts" (einem Projekt der Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das meinen Freiwilligendienst größtenteils finanziert; http://www.weltwaerts.de/ )
- meinem Förderkreis für die finanzielle und mentale Unterstützung
- allen anderen Verwandten, Freunden und Bekannten, die an mich denken.
Wenn ihr euch meinen neuen Wohnort anschauen möchtet, klickt einfach die beiden folgenden Links an:
Danke für's Lesen, Jan-Lütje
PS: Wenn ihr mir E-Mails schicken wollt, schreibt an janluetje.thoden@googlemail.com