Dienstag, 15. März 2011

2. Rundbrief

Hey,
Das hier ist der 2. Rundbrief, den ich an meine Spender verschickt habe. Es ist eine Zusammenfassung der letzten 3 Monate, daher wiederholt sich einiges. Der Schwerpunkt liegt auf der Arbeit. Viel Spass damit ;)

„Gutten Tach!“

So wird man in Peru manchmal als Deutscher begrüßt. Ich fühle mich hier pudelwohl und habe seit dem letzten Rundbrief viel gemacht und erlebt. Durch diesen Rundbrief möchte ich euch von meiner Arbeit erzählen, von Weihnachten bei 30° C, von Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, kulturellen Unterschieden zwischen Peru und Deutschland und von besonderen Erlebnissen.

Unsere Arbeit im Projekt läuft, mittlerweile, sehr gut. Unser Wochenablauf hat sich seit November ein wenig verändert. Zurzeit arbeiten wir nicht im Kindergarten, da Ferien sind. An nächster Woche geht es aber wieder los. Statt dienstags und donnerstags würden wir dort gerne von Mittwoch bis Freitag arbeiten, um ein wenig mehr Arbeit und einen freien Dienstagmorgen zu haben.
Unseren Englisch- und Deutschunterricht machen wir in der zuletzt beschriebenen Form nicht mehr. Es kamen immer weniger Leute zum Unterricht. Die Leute, die kamen, hatten oft keine Lust und wollten lieber erzählen. Daher unterrichte ich jetzt nur noch einmal die Woche nachmittags Englisch. Janina ist zu dieser Zeit nicht da, weil sie in einer Frauengruppe arbeitet. Mit den fünf bis zehn Leuten, die kommen, sitze ich bei uns im Wohnzimmer und singe englische Lieder. Wir üben die Aussprache und übersetzen den Text. Das ist eine lockere Form des Unterrichts, die den Jugendlichen gut gefällt. Seit zwei Wochen unterrichten wir auch Dienstag- und Mittwochabends Englisch. Die zehn Leute, die kommen, bestehen aus Tourismusstudenten und Leuten, die in der Tourismusabteilung des Rathauses arbeiten. Sie sind alle sehr motiviert und fröhlich dabei.
Von Mittwoch bis Freitag machen wir seit 3 Wochen ein Nachmittagsprogramm für Kinder. Das Programm findet in der Kirche statt. Die Kinder kommen aus ärmeren Verhältnissen und oft aus zerrütteten Familienverhältnissen. Mit ihnen basteln wir, machen Hausaufgaben, Sport, singen Lieder und behandeln Themen. Diese Woche behandeln wir beispielsweise das Thema „Englisch, England und die USA“. Es soll ein Einstieg in die englische Sprache sein. Ab nächster Woche wollen wir anfangen, jeden Tag ein wenig Englisch zu machen. Vor Beginn des Programms gehen wir zu den Kindern nach Hause und holen sie ab. Manche Kinder haben so etwas wie Pünktlichkeit nie gelernt oder haben keine Uhr zuhause. Ein anderes Mädchen hat mich gebeten, sie jeden Tag abzuholen, weil ihre Mutter ihr sonst nicht glauben würde, dass sie zu uns geht. Um euch einen Einblick zu schaffen, möchte ich einige der Kinder beschreiben:
Medaly (11), Maybe (11, ihre Zwillingsschwester) und ihre kleine Schwester Mariella (10) wohnen in einem kleinen Haus ohne Strom. Ihr Mutter ist tot und ihr Vater ist nie zuhause. Sie haben zwei große Schwestern. Eine ist 20 und arbeitet in Lima in einem Restaurant, um Geld zu verdienen. Die andere Schwester ist 19 und passt den ganzen Tag auf ihre kleinen Geschwister auf. Als ich sie fragte, ob die neunzehnjährige Schwester sonst nichts mache, sagten sie: „Nein. Jemand muss doch auf uns aufpassen.“ Ich finde diese kleine Familie sehr bewundernswert. Sie haben nicht viel Geld und leben ohne Eltern. Trotzdem pflegen sie, im Gegensatz zu manchen anderen Kindern, einen guten sozialen Umgang und sind immer sauber. Für diese Gegend und Umstände wäre es normaler, wenn die kleinen Kinder ohne eine Aufsichtsperson lebten und die älteren Schwestern jeder schon selbst ein oder zwei Kinder hätten.
Bei den Gemeindeaktivitäten hat sich nicht viel geändert. Die Gottesdienste am Donnerstag und Sonntag laufen wie bisher, die Jugendgruppe am Samstagabend genauso. In den letzten Monaten haben die Jugendlichen der Gemeinde Aktionen gemacht, um Geld zu verdienen. . Wir haben Anticuchos verkauft. Das sind gegrillte Schweineherzspieße. So haben wir ein wenig Geld verdient, das uns hilft, ein kleines Camp am Strand machen zu können.
Mit den normalen Kindergruppen haben wir in der Adventszeit Krippenspiele eingeübt. Die Proben waren manchmal etwas durcheinander und kein Kind konnte seinen Text auswendig, aber das machte nichts. Aus Deutschland ist man es gewohnt, dass alle Eltern ihre Kinder pünktlich zur Probe abliefern und zuhause mit ihnen den Text üben. Die letzten Proben macht man dann mit Verkleidung. Hier wäre das fast unmöglich. Die Eltern der Kinder wissen oft gar nicht, dass ihre Kinder bei einem Krippenspiel mitgemacht haben. Daher haben sie niemanden, der den Text mit ihnen übt. Einige Tage vor Heiligabend machten wir Weihnachtsfeiern mit den Kindern. Eine in Humaya und eine in San Bartolomé, wohin die Kinder aus Amay in einem Bus gebracht wurden. Beide Feiern fingen, typisch peruanisch, zu spät an. Neben den erwähnten Krippenspielen standen viele Tanzspiele für die Kinder auf dem Programm. Außerdem bekam jedes Kind eine Tüte mit Süßigkeiten, Panetón, und Kakao. Panetón ist eine Art Brotkuchen, den man hier traditionell zu Weihnachten isst (lecker!). Ich hatte vorher erwartet, dass die Kinder sich sehr freuen und dankbar sind, vor allem, weil sie sonst nur sehr wenig haben. Gefreut haben sie eigentlich auch alle Kinder. Man merkte aber, dass die Kinder viel auf sich allein gestellt sind im Alltag daran gewöhnt sind, in erster Stelle an sich selbst und ihren Vorteil zu denken. Das kann man ihnen aber nicht zum Vorwurf machen. Von ihren Eltern wenig beachtet, müssen sie sehen, wo sie bleiben und wie sie über die Runden kommen. Bei der Weihnachtsfeier meinten manche Kinder, sie hätten weniger als andere uns beschwerten sich. Ein Mädchen bekam durch einen Irrtum eine Tüte Popcorn mehr als die anderen. Als die anderen Kinder das merkten uns dich beschwerten, lief das Mädchen mit ihren Süßigkeiten nach draußen auf die Straße, weil sie Angst hatte, dass wir ihr wieder etwas wegnehmen könnten. Später trug sie noch ihre Schwester her (etwa ein Jahr alt), um so noch mehr zu bekommen. Bei deutschen Kindern gibt es dieses Verhalten zwar auch, aber nicht in dem Maße.
Im Januar und Februar machten wir „Vacaciones Utiles“, eine Art Kinderferienprogramm. Es gab jeden Tag ein Theaterstück, Workshops und einen Snack. Thema war „Die Wunder von Jesus“. Einige Tage wurden wir dabei von „Kindred“ begleitet, einem Team von „Youth Encounter“ aus den USA, das in Südamerika Peru und Bolivien herumreist und Menschen, speziell Kindern, mithilfe von einem Puppentheater und viel Musik von Gott erzählt.
Wie ich in meinem letzten Rundbrief geschrieben habe, sollten wir eigentlich an der staatlichen Universität Huachos Englisch unterrichten. Nachdem uns ein halbes Jahr gesagt wurde, dass sich „nächste Woche“ alles kläre, wurde uns jetzt klar mitgeteilt, dass es nicht klappt.
Diakonische Besuche machen wir nicht mehr. Eigentlich haben wir den Diakon der Gemeinde (hier ein Ehrenamt) etwa zweimal pro Woche bei seinen Besuchen begleitet. Er ist schon ein älterer Mann und arbeitet eigentlich nicht mehr. Vor einigen Monaten hat er aber wieder angefangen zu arbeiten. Daher hatte er keine Zeit mehr für diakonische Besuche. Einmal die Woche besuchen Janina und ich jetzt eine ältere Frau. Sie heißt Haydé und wurde letzte Woche 71 Jahre alt. Vor elf Jahren hat ihr ein Arzt gesagt, dass sie Krebs habe und nur noch wenige Tage leben werde. Obwohl sie nur in einem kleinen Steinhaus am Stadtrand wohnt, besteht sie jedes Mal darauf, uns zum Essen einzuladen. Bei ihr erfahren wir eine große Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit. Sie kocht aber nicht nur für uns, sondern meistens auch noch für einige Kinder und Enkel, die neben ihr wohnen. Während sie kocht, erzählt sie uns oft von ihrer Arbeit als Köchin in Restaurants und in Privathaushalten, ihrer Krankheit und von ihrer Familie. Man merkt, dass ihr ihr Glaube hilft. Sie könne nicht zum Gottesdienst kommen. Aber jeden Sonntagmorgen sitze sie auf ihrem Sessel und denke an die Gemeinde. Wenn sie im Krankenhaus sei, würde sie jeden Tag im Stillen mit Medizin und Tabletten Abendmahl feiern.
Meine Arbeit macht mir insgesamt viel Spaß. Durch die Arbeit mit Menschen verschiedenen Alters und in verschiedenen Bereichen entsteht ein großer Abwechslungsreichtum. Schade ist jedoch, dass hier vieles unorganisiert ist oder nicht gemacht wird. Natürlich ist klar, dass man keine deutschen Maßstäbe ansetzen darf, um das Leben hier zu bewerten. Aber wir warten zum Beispiel seit unserer Ankunft vor sieben Monaten auf weitere Strom- und Wasseranschlüsse in der Küche, Türschlösser und Vorhänge. Unsere Waschmaschine funktioniert, aber wir können sie wegen des fehlenden Anschlusses nicht benutzen. Deshalb müssen wir mit unsere Wäsche immer zum Gemeindepräsidenten laufen und dort waschen. Hinzu kommen Probleme bei der Arbeit. Die Arbeit, die wir machen, ist meistens gut. Aber vor allem in den letzten Monaten war es oft zu wenig. Die angestrebten 40 Arbeitsstunden erreichten wir nicht mal zur Hälfte. Wie bei der Universität wurde man immer auf die nächste Woche vertröstet, wenn es um neue Arbeit ging. Aber erst nach einem halben Jahr und nachdem wir selber durch das Nachmittagprogramm etwa 10 Stunden Arbeit pro Woche geschaffen haben, ist auch die Arbeitsquantität ausreichend.

Neben meiner normalen Arbeit versuche ich zwei zukünftigen peruanischen Auswandern Deutsch beizubringen. Klaus ist 11 und wird mit seiner Familie in zwei Monaten nach Österreich ziehen, wo der Vater bereits lebt. Er hatte bereits einige Jahre Deutschunterricht in Lima, aber das ist drei Jahre her. Carina ist 36 und Architektin. Sie wird in die Schweiz ziehen, wo eine sehr gute Universität für Architektur sein soll. Zurzeit nimmt sie Unterricht im Goethe-Institut, um Deutsch zu lernen. Ich helfe ihr vor allem bei der Aussprache.

In den letzten Monaten musste ich zweimal wegen meines Visums ausreisen. Es war leider auf drei Monate begrenzt. Im November bin ich nach Chile ausgereist, im Februar nach Ecuador. Beide Ausreisen habe ich mit kurzen, schönen Urlauben verbunden. Außerdem hatten wir im Januar unser Zwischenseminar. Dafür haben wir uns für fünf Tage mit anderen Freiwilligen getroffen und uns über unsere Arbeit unterhalten. Zwei Freiwillige, die wir dort kennen gelernt haben, arbeiten eigentlich in einer Schule in Lima. In der Ferienzeit wurden sie in die „Nueva Semilla“ (neuer Samen) versetzt. Das ist ein Tanzprojekt im Süden Limas. Während unseres Zwischenseminars konnten wir es an einem Nachmittag besuchen. Dieses Projekt hat mich von Anfang an fasziniert. Es existiert erst seit 13 Jahren. Trotzdem sind es schon über 500 Kinder und Jugendliche, die an den wöchentlichen 40 Tanzkursen teilnehmen. Im Februar hat die „Nueva Semilla“ ein fünftägiges Tanzfestival veranstaltet. Einen Tag haben auch wir zugeschaut. Tanzgruppen aus ganz Südamerika waren vertreten, die für ihr Land und ihre Kultur typische Tänze aufgeführt haben. Südamerikaner sind stolz auf ihr Heimatland, das brachten die (überwiegend) Jugendlichen mit ihren Tänzen zum Ausdruck.

Nach einem halben Jahr sind für mich viele kulturelle Unterschiede klarer zu erkennen und zu benennen. Janina und ich sind wahrscheinlich die einzigen Menschen in ganz Huacho (60000 Einwohner), die nicht verwandt sind und trotzdem zusammen wohnen. Wenn wir sagen, dass wir nicht verheiratet sind (das ist immer der erste Verdacht), folgt meistens die Antwort: „Ah, dann seid ihr also Geschwister.“ Auf der anderen Seite lässt kaum ein Mann eine gutaussehende Frau an sich vorbeigehen, ohne ihr hinterher zu gucken, zu pfeifen und einen Spruch zu bringen. Wie auch schon erwähnt gibt es auch viel mehr Teenagerschwangerschaften als in Deutschland. Und das, obwohl hier niemand bei seinem Freund/ seiner Freundin übernachten darf. Aber wenn das Kind da ist, hat niemand etwas dagegen und das Baby wird freudig in die Familie aufgenommen. Auf der einen Seite hat man klare Linien, eine klare Struktur. Aber eigentlich halten sich wenige daran. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Bis zum nächsten Rundbrief im Juni und viele Grüße, Jan-Lütje

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